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Mein BDSM

Die verfolgte Minderheit

Ich musste einfach (wiedermal) etwas zum Thema schreiben, weil mich die Serie „Mütter machen Porno“ der neue Coup von Sat1 ist, um mit Effekthascherei ein Thema noch weiter in die hinterste Ecke zu drängen, statt aufzuklären.

Statt irgendetwas Sinnvolles zu berichten, geht man hier mit Klischeekeulen auf Klischees los, um diese in den Köpfen noch weiter zu manifestieren.

Aber ernsthaft.
Warum stellt man BDSM wieder so extrem schlecht da?

Bleibt nichts mehr übrig, weil man bereits genug „akzeptieren“ muss, was sich in der Gesellschaft so gehört? Ist man des Akzeptierens müde und braucht daher ein neues altes Feindbild, weil es nicht mehr gesellschaftstauglich ist andere Gruppen, die man vor ein paar Jahren noch munter diskriminieren durfte nicht mehr diskriminieren darf?

Wurde man früher geächtet, weil man sich als homosexuell geoutet hat, ist es heute sogar chic und en Vogue einen schwulen Freund zu haben. Unabhängig davon, dass es weder als schlimm noch als chic gelten sollte eine sexuelle Ausrichtung zu haben, braucht der gemeine Mensch scheinbar ein neues Feindbild.

Schauen wir mal, wen wir ächten können:
Homosexuelle? – geklärt, geht nicht mehr.
Frauen? Nein, schlecht wegen dem Feminismus.
Trans? Nein, auch nicht gut.
BDSM? Diese kranken in Lack und Leder mit Peitsche? Perfekt!

Das kann man schön als abartig und abnormal bezeichnen. (Anmerkung: Wer bei Sexualität von normal und unnormal redet, hat noch viel zu lernen). Passt perfekt ins Bild. Da werden Frauen und Männer geschlagen, also diskriminiert, also unterdrückt, ausgebeutet und gefügig gemacht. Niemand würde sich ja freiwillig schlagen lassen… das ist ja krank und hat ja nichts mit Liebe zutun. Liebe ist Sex zum Kindermachen im Dunkeln mit Missionaren in Stellung. Das was die machen ist ja dann schon quasi Vergewaltigung und häusliche Gewalt. Unter dem Deckmantel des BDSM (Klingt ja fast wie eine Schlagzeile der Bildzeitung und beinhaltet ungefähr den gleichen Grad an  Rescherchearbeit.) Die sind abhängig, vertreten ein Frauenbild von 1950 und haben allesamt eine Störung. Dann diese Kleidung: Latex, Leder und Masken. Dies müssen sich offensichtlich verstecken, weil sie es selbst so schlimm finden. Das Fesseln und Festketten, die Frauen trauen sich einfach nicht zu gehen und werden zur sexuellen Ausbeutung gefangen gehalten. Passt perfekt ins Bild. Herrlich. Dann diese ganzen Dinge, die man immer hört. „BDSM Session schief gegangen. Opfer im BDSM Spiel totgeprügelt.“ (kurze Anmerkung zu den letzten beiden Sätzen. Das waren niemals BDSM Sessions. Das waren Missbrauch und Tötungen von Anfang an und haben nichts mit BDSM zutun! Dazu folgt allerdings ein extra Blogartikel)

Perfekte Mobbingopfer für den Rand der Gesellschaft. Da hat sogar der Familienvater, der täglich Kinder und Frau tatsächlich verprügelt, jemanden, auf den er herabschauen kann.

Kurz noch dazu: Fällt diesen Menschen eigentlich auf, wie viel sie scheinbar über ein Thema wissen, das sie in keinster Weise auch nur annähernd recherchiert haben? Ein Urteil über andere ist niemals zielführend und gut. Vielleicht braucht man etwas, um das Sommerloch zu stopfen, vielleicht gehen bessere Themen gerade aus, vielleicht sucht man aber auch eine Erklärung für etwas, was man nicht verstehen will und kann. Ich zweifele nicht daran, dass viele es nicht verstehen können, aber bei den meisten scheitert es schon am Verstehen wollen.

BDSM zu leben ist eine sexuelle Ausrichtung. Genauso, wie jemand den Sex zwischen Mann und Frau für sozial adäquat hält, muss er zulassen, dass andere Menschen eine völlig andere sexuelle Ausrichtung haben und diese ausleben.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein „BDSMler“ jemals versucht hat, einem „Vanilla“ zu erklären, dass die Art, wie dieser seine Sexualität auslebt krank ist. Aber wie oft höre ich es umgekehrt.

Nun noch kurz zum TV:

Mütter machen Porno: Da hört man Sätze wie, sie wollen Sex real zeigen und nicht dieses unwirkliche unrealistische Pornozeugs. Natürlich gibt es Pornos, die auch weit weg von meiner Vorstellungskraft liegen, aber wtf, es gibt Menschen, die das mögen und genauso ihre individuelle Sexualität ausleben und das verdammt nochmal dürfen. Niemand hat das Recht in diesem Bereich irgendetwas als „normal“, „abartig“, „krank“ etc. zu bezeichnen. Generell hat niemand das Recht seine ureigene Moralvorstellung auf das Leben anderer zu übertragen, die niemandem etwas zuleide tun.

Dann die Mütter… ich bin übrigens auch Mutter von zwei Söhnen… zu einer BDSM Livevorführung zu senden, erinnert an die alten Jahrmärkte mit ihrem Kuriositätenkabinett. Ganz nach dem Motto: „Schau Dir an, wie krank die sind.“ Dann noch im Zusammenschnitt zu betonen, dass das Schlimmste an der Vorführung war, dass die Zuschauer sich das angeschaut haben, grenzt nicht nur an Diskriminierung, sondern ist eine auf hohem Niveau und auf Kosten der Sexualität von Menschen, die mit dem Ausleben niemandem etwas zuleide tun und auch niemals anderen ihr BDSM aufdrängen würden.

Ähnliches gab es schon bei 50 Shades of Grey. Aus diesem Thema, das ein Ausleben der Sexualität von Erwachsenen, mündigen Personen ist, eine Teenie-Liebes-Komödie zu machen, in der der Hauptdarsteller nicht nur eklatante Dom-Fehler begeht, sondern natürlich eine schlechte Kindheit etc. hatte, bedient das Klischee wieder wunderbar.

Der Mensch hat gelernt sich von schnellem Konsum berieseln zu lassen, der seine Gier auf Sensation und Klischees befriedigt. So braucht er weder sich selbst zu reflektieren, noch das Gehirn einzuschalten. Man schwimmt einfach mit dem Strom. Schreit „Hexe“, wenn das Dorf es tut und findet des Kaisers neue Kleider gut, nur weil es alle gut finden.

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