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BDSM Lexikon

Moral und BDSM – SSC, RACK und CNC

Zur gewählten Überschrift: Die einen werden jetzt sagen: „Na endlich sagt es mal einer!“ Andere werden sich an den Kopf fassen und denken: „Moral und BDSM… klar und der Papst ist Atheist!“ Zum Papst: Ja, schon möglich. Das interessiert hier aber nicht. Mir geht es nur darum zu zeigen, was BDSM jenseits der ersten Suchergebnisse auf google ist. Also jenseits von blutigen Rücken, Latexmasken und Frauen in Katzenkostümen.

Nur zur Info. Das wird ein langer juristisch angehauchter (wie sollte es bei einer Juristin anders sein?) Text. 

Wer darauf keinen Bock hat, hier die Kurzversion:

SSC: Sicherheit steht an oberster Stelle, wir wissen was wir tun und wollen es.

RACK: Grundsätzlich steht Sicherheit an oberster Stelle. Schief gehen kann immer etwas, aber wir kennen das Risiko und wollen es dennoch eingehen.

CNC: BDSM bringt halt Risiken mit sich. Wenn du einwilligst, musst du damit rechnen, dass etwas schief geht und darfst dich danach nicht beschweren.

Jetzt meine Gedanken:

Vor Kurzem haben ich folgenden Text auf Twitter entdeckt.

„Wenn alle Subs ihre Selbstzweifel ablegen würden, wären alle Doms arbeitslos und es gäbe kein BDSM mehr.“ Ist das so oder widerspricht diese Annahme nicht sogar dem SSC Grundsatz, den ja fast alle leben? Denn schließlich geht er von einer Sub aus, die eventuell psychisch krank ist.

Safe Sane Consensual (SSC)

oder auf Deutsch, sicher, gesund, und einvernehmlich ist quasi die moralische Grundlage des ganzen BDSM. Diese drei Wörter beschreiben letztlich ein Prinzip, was Ihr auch daran merkt, dass die einzelnen Erklärungen der Begriffe fließend ineinander übergehen. Ich versuche es dennoch etwas zu trennen.

save (sicher): Sicher heißt, das Besprechen von dem, was passieren soll sowie das Mitteilen von Limits, in Zusammenhang mit dem unbedingten Wissen des Ausführenden, wie er die Praktiken auszuführen hat und die Vereinbarung eines Safewords sowie die Sicherheit, dass dieses auch beachtet wird. Es geht für die Sub vor allem darum, dass Spielfeld genau festzulegen, das der Dom bespielen darf und soll.

sane (gesund): Nur volljährige, geistig gesunde Menschen sollen sich diesem Spiel hingeben. Hier ist meiner Ansicht nach das größte Problem. Warum soll man mit gerade 18 reif für dieses Spiel in allen seinen Facetten sein, aber mit 17 nicht. Es gibt einige, die ihre Neigungen früh entdeckten, einige, die mit 16 reifer sind, als andere mit 25 usw. Aber irgendwo muss nunmal die Grenze gezogen werden. Und diese liegt bei uns in der objektiven Volljährigkeit, die bei der Vollendung des 18. Lebensjahres beginnt.

Bei dem Begriff „geistig gesunde Menschen“ tue ich mir etwas schwer und will hier eig. nicht in eine Grundsatzdiskussion verfallen. (Die können wir gerne persönlich oder in den Kommentaren führen) So viele Menschen würden uns Kinks als geistig nicht gesund bezeichnen, weil wir BDSM ausleben. Sogar in der Szene gibt es einige, die bestimmte Praktiken als „nicht gesund“ ablehnen und auch für mich, als Juristin, ist es interessant darüber zu diskutieren, inwieweit man in diese Praktiken, die objektiv sogar der (gefährlichen/schweren) Körperverletzung zuzuordnen sind, überhaupt einwilligen kann und darf. Es ist nämlich nicht nur die Frage, in welchen Situationen man einwilligen darf, sondern vor allem wer einwilligen darf und wie der geistige Zustand dieser Person sein muss. Und hier beißt sich in meinen Augen wieder die Katze in den Schwanz, denn wenn nur geistig Gesunde in BDSM Praktiken einwilligen können, das Einwilligen in diese Praktiken aber als pathologisch eingestuft wird, inwieweit ist eine Einwilligung dann überhaupt möglich? Ihr wisst was ich meine und bin sehr gerne offen für Diskussionen zu diesem Thema. (Wenn ich meinen Artikel über Dolcett schreibe, werde ich dies intensiver thematisieren. Dann werde ich mich auch um die Einordnung in ICD kümmern.)

Und, wo wir gerade bei der Einwilligung sind, sind wir auch direkt schon bei dem letzten Wort.

consensual (einvernehmlich): Beide (oder mehr) wissen aus eigenem freiem Willen heraus, was sie tun. Hier schließt sich dann wieder der Kreis zu save, nämlich das genaue Besprechen, das Festlegen von Grenzen etc.

RACK (Risk Aware Consensual Kink)

Also ein risikobewusstes Ausleben gemeinsamer Neigungen. Bei diesem -von Minderheiten vertretenen- Begriff geht es darum, dass „save“ und „sane“ in SSC, was juristisch zu Schwierigkeiten in der Einwilligung führt durch „Wir wissen, dass das, was wir machen unter Umständen jenseits vom gesunden Menschenverstand ist, aber wir machen es dennoch“ zu ersetzen.

Soweit sei aber gesagt. Wenn es im Ernstfall um die juristische Auslegung einer erfolgten Einwilligung geht, ist es absolut Wurst, ob ihr SSC oder RACK Anhänger seid. Das ist einem Gericht nämlich total egal. Außer ihr habt Glück und Richter sowie Staatsanwalt wissen, wovon ihr redet. 😊

Bsp: Sex ohne Schutz auf einer Party widersprich SSC, kann aber mit RACK -wenn sich jeder der Risiken bewusst ist- durchaus vereinbar sein.

Metakonsens /CNC (consensual non-consent)

CNC verlagert wie der Metakonsens die Einwilligung quasi vor, nämlich nicht direkt in die speziellen Einzelsituationen des Spiels, sondern in das Spiel als solches mit dem unbedingten Wissen, welche Risiken sich dadurch erfüllen können.

Für die Juristen unter uns, kann man hier Parallelen zum Vollrausch ziehen, was zu einer Vorverlagerung der Strafbarkeit bei vorsätzlichem Betrinken führt.

Ich gebe zu: Viel Input, aber ich könnte noch mehr. Solchen Themen könnte ich mich voll und ganz hingeben 😉 oder mich dran aufhängen.

Aber um den Kreis zur Überschrift zu schließen: Vielleicht ist gerade dieses hohe Maß an Moral, die gegenseitige Wertschätzung, die Zärtlichkeit, das Fühlen, das Zuhören, was der andere wünscht, die tiefen Gefühle und die unbedingte Hingabe genau Grund dafür, dass echte BDSM Beziehungen sehr liebevoll und frei von „echter“ Gewalt sind.

1 Anwort auf „Moral und BDSM – SSC, RACK und CNC“

Also Moral ist eine lokale zeitliche und von der jeweiligen Gesellschaft Definition und damit gewissen Mode Erscheinungen unterworfen. Damit macht sie das zu einem für mich unbrauchbaren Kompass für die Leidenschaften die gesunde Erwachsene Teilen. Guter Sex Erotik sind zum größten Teil Kopfsache und funktionieren meist (nicht immer und für alle) nur wenn die Phantasie des der Partners/in direkt angesprochen werden. Und egal ob Blümchen oder BDSM oder alles dazwischen und drumherum wenn das falsch läuft ist das unbefriedigend. Und hier liegt auch das Problem und zwar bei allen Varianten wie kommuniziert man seine Phantasie wenn man sie als Anfänger nicht einmal selber wirklich kennt weiss wo sie anfängt und wo die Grenzen sind. Wie soll man das dem Anderen erklären? Und bei BDSM kommt hält eben eine verstärkte körperliche Erfahrung hinzu wo Lust und tatsächlicher Schmerz wo die eigene gewollte Unterwerfung und die erzwungen oft nur aus dem Problem der Kommunikation oder ungleichen Grenzen besteht. Hinzu kommt Sprache ist ein unpräzises Werkzeug Wichtige Wörter wie Liebe Schmerz Vertrauen Unterwerfung und Dominanz sind für jeden Menschen anders definiert haben andere Werte. Das alles lässt die Möglichkeit zu weit zu gehen oder Fehler zu machen sehr viel Wahrscheinlicher werden. Meine Meinung.

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